Interview: Schriftstellerin Ana Cristina Silva

"Ich schreibe über die psychologische Seite des menschlichen Lebens"

Die Schriftstellerin Ana Cristina Silva ist Universitätsdozentin, hält Vorlesungen über die Psychologie der Sprache und leitet ein Praxisseminar am Hochschulinstitut für Angewandte Psychologie. Nach ihrer Promotion zum Doktor der Bildungspsychologie spezialisierte sie sich auf den Bereich Lesen und Schreiben, betrieb Forschung auf diesem Gebiet und veröffentlichte eine wissenschaftliche Arbeit darüber in Portugal und im Ausland.

 2002 unternahm sie den ersten Ausflug in die Literatur und hat bis heute ca. zehn Bücher veröffentlicht. Daraus nennen wir zwei von der Kritik sehr gut aufgenommene Bücher, nämlich: "Die Feuer der Inquisition" und "Rote Briefe". 

Unser Anliegen ist, mit diesem Interview eine Schriftstellerin der neuen Generation vorzustellen, die seit der vorigen Ausgabe nun Artikel für die PORTUGAL POST schreibt.

 

 PP: An welchem Buch arbeiten Sie zur Zeit?



Ana Cristina Silva: Momentan arbeite ich an einem Buch, das die Geschichte eines Arztes aus der jüdischen Diaspora in Portugal im XVI. Jahrhundert erzählt; es spielt in Bordeaux, Hamburg und Amsterdam und beleuchtet die Geschichte einer Familie von Nachkommen portugiesischer Juden in Amsterdam, die in Auschwitz ermordet wurden. Es ist ein Buch, dessen Handlungsmittelpunkt sich schließlich sehr auf Deutschland konzentriert. Im XVI. und XVII. Jahrhundert wurde Deutschland zum Zufluchtsort und freiheitlichen Zielpunkt für die Sephardim, die spanisch-portugiesischen Juden. In Hamburg zum Beispiel duldete man, dass Juden nach den Regeln ihrer Religion lebten. Andererseits beschäftigt sich das Buch mit dem Holocaust und diesem fast industriellen Massaker, dem Versuch, die Juden auszulöschen. Ich glaube, es ist das erste literarische Werk, das dieses Thema im Bezug auf Abkömmlinge von jüdischen Neuchristen aus Portugal angeht.



 

 PP: Ihr Buch "Rote Briefe" war eines aus ihrem literarischen Gesamtwerk, das bei Publikum und Kritikern größte Aufmerksamkeit gefunden hat. Abgesehen davon, dass es für den "Fernando-Namora-Preis nominiert wurde, wurde es kürzlich von der Zeitung "Expresso" in die Liste der zehn besten Bücher des Jahres 2012 aufgenommen. Woher kommt dieser Erfolg ihrer Werke?
 


Ana Cristina Silva : Ich denke, diese Arbeit verdankt vieles der suggestiven Romanfigur Carolina Loff da Fonseca, weil sie ein polemischer Charakter ist. Sie war eine herausragende Aktivistin der kommunistischen Partei. Sie hat sich, als sie in den vierziger Jahren festgenommen wurde, in ein Mitglied der politischen Polizei verliebte. Aber das Buch ist vor allem eine Reise in die Vergangenheit einer Mutter, die ihre kleine Tochter in der Sowjetunion zurückließ, wie es damals bei Mitgliedern der kommunistischen Partei häufig vorkam, denn kollektive Ideale galten mehr als persönliche Gefühle. Diese Frau schreibt für ihre Tochter einen Roman, um zu erklären, warum sie ihr Kind verließ, wobei das Schreiben selbst für die Mutter erlösend wirkt. Ein anderes interessantes Element ist, dass sich das Leben dieser Hauptfigur auf dem Hintergrund großer Ereignisse des XX. Jahrhunderts abspielt wie den stalinistischen Säuberungen und dem spanischen Bürgerkrieg.
 


 

PP: Kurz zusammengefasst beschäftigt sich also ein wesentlicher Teil ihres Werkes, sagen wir, mit historischen Persönlichkeiten. Zum Beispiel in ihrem letzten Buch “O Rei do Monte Brasil” (Der König vom Berg Brasil), in dem Sie historische Gestalten wie Mouzinho de Albuquerque und Gugunhana, einander gegenüberstellen und ebenso im Buch “Bela”, über die Dichterin Florbela Espanca. Aus welchem Blickwinkel stellen Sie ihren Lesern diese Personlichkeiten vor? 



Ana Cristina Silva: Die Kritiker sagen, ich schreibe psychologische Romane und ich denke schon, dass ich über die psychologische Seite des menschlichen Lebens schreibe. So hat mich im "König vom Berg Brasil" zum Beispiel an den beiden sagenumwobenen Personen, die "verschiedenen Zivilisationen" angehörten (nämlich der europäischen und der afrikanischen), nach ihrem Machtverlust der Prozess des seelischen Niedergangs interessiert. Mouzinho begeht schließlich Selbstmord und Gungunhana plant unmögliche Racheprojekte. In dem Buch über die Dichterin Florbela Espanca, "Bela", wollte ich den Schmerz erklären, der ihr Leben und ihre Lyrik prägt. Bela wurde von der Ehefrau ihres Vaters aufgezogen und ihre natürliche Mutter kam ins Haus als ihre Amme. Die tragische Geschichte ihrer drei Ehen, ihre ewige Suche nach einer alles überwindenden Liebe und die furchtbare Qual, die sie zum Selbstmord getrieben haben dürfte, haben ihren Ursprung wohl in der Suche nach dieser ersten und wichtigsten Liebe, die ihr als Kind gefehlt hat und das ist in gewisser Weise der Leitfaden der Erzählung.
 


 

 PP: Möchten Sie aus Ihrem literarischen Werk vielleicht das hervorheben, das Sie am liebsten geschrieben haben?



Ana Cristina Silva: Die Arbeit, die mir am meisten Spaß gemacht hat ist "Die Feuer der Inquisition". Es ist ein Buch über die Gewaltausübung der Inquisition gegen Juden und Neuchristen im XVI. Jahrhundert. Dieses Buch hat meine besondere Liebe, weil es die Geschichte des Widerstandes einer Jüdin ist, die, von der Inquisition gefangen gesetzt wird. Um die Schrecken des Gefängnisses zu überstehen, ruft sie sich die Geschichte ihrer Großmutter ins Gedächtnis. Diese erlebte die Taufe stehend und den Raub der jüdischen Kinder auf Geheiß von D. Manuel, bewahrte die jüdische Religion und ermöglichte die Flucht von Neuchristen aus Portugal. Es ist ein Buch, in dem sich bekannte Persönlichkeiten wie Beatriz Luna oder Damião de Góis und erfundene Personen wie der Inquisitor oder die weibliche Hauptperson Sara de Leão begegnen.
 


 

 PP: Hat Ihr Hauptthema um Fragen des täglichen Lebens in Büchern wie in "Die durchsichtige Frau" über häusliche Gewalt mit ihrer akademischen Ausbildung in Psychologie zu tun? 



Ana Cristina Silva: Teilweise schon, da ich ja die psychologische Situation von geschlagenen Frauen untersucht habe. Dieses Buch ist eine Protesterklärung gegen gebräuchliche Ansichten über häusliche Gewalt wie vor allem den Gedanken "je mehr du mich schlägst, umso mehr liebe ich dich". In Wirklichkeit sind, wie in meiner Geschichte, die ersten Gewaltausbrüche sporadisch und von unzähligen Entschuldigungen und Liebesschwüren des Agressors begleitet. Dann werden sie langsam systematisch und brechen bei Nichtigkeiten hervor. Angst und Scham ergreifen die Opfer. Die fortgesetzte Erniedrigung bewirkt, dass die Opfer zu glauben beginnen, sie seien ein Niemand und würden nie ohne die Männer überleben können, wie diese es ihnen so oft wiederholen. Dadurch bringen sie es nicht fertig, ihr Heim zu verlassen und die Männer zu verklagen. Da es mir schwer fällt, die Geschichte eines Opfers zu schreiben, das nicht auch Widerstand leistet, plant meine Hauptfigur, Clara, die Ermordung ihres agressiven Ehemannes. Sie kann ihr Vorhaben nur wegen eines dieser Zufälle nicht in die Tat umsetzen .... An dem Tag, an dem sie ihren Mann ermorden will, hat dieser einen Unfall und ist dann auf Clara angewiesen. Den Rest erfährt, wer das Buch liest.
 


 

 PP: Bei den materiellen Schwierigkeiten - und nicht nur diesen - mit denen sich die Leute in Portugal momentan wegen der Krise herumschlagen, sinkt damit nicht das Interesse an Büchern und Lektüre? 



Ana Cristina Silva: Natürlich ist der Buchsektor von der Krise nicht unberührt geblieben. Die soziale Krise, in der Portugal steckt, macht sich in einer Politik der gezielten Verarmung eines Großteils der Bevölkerung bemerkbar, mit sinkenden Löhnen und auf unerträgliche Höhen steigenden Steuern. Die Menschen haben geringere Kaufkraft um Bücher zu erwerben. Dringend notwendig müssen die Schulbücher der Kinder bezahlt werden, die Medikamente oder die Miete, und die Bücher rutschen auf der Dringlichkeitsskala nach unten.
 


 

PP: Von außen gesehen, hat man einerseits den Eindruck einer gewissen Passivität gegenüber den Lebensbedingungen der Menschen von seiten der portugiesischen Intellektuellen (Künstler, Schriftsteller, etc.) und andererseits fehlt eine klare Stellungnahme zur schwierigen sozialen und politischen Lage, in der sich das Land befindet. Sind denn nicht letztendlich die Künstler und Intellektuellen das "Gewissen" des Volkes, was bedeutet, das Gewissen dieses Teils der Gesellschaft kann gut mit der jetzigen Lage leben? 



Ana Cristina Silva: Teilweise stimme ich Ihnen zu. Es gibt einige Stellungnahmen von den genannten Intellektuellen zum bedrückenden Zustand unseres Landes und zur neoliberalen Politik unserer Regierenden, die die Troika benutzen, um ihr ideologisches Programm durchzuführen. Zum Beispiel, den offenen Brief des Dichters Eugénio Lisboa an Passos Coelho. Erst diese Woche schrieb der Schriftsteller Miguel Real im Público, die Zukunft "erhebt sich wie ein mächtiger Gedanke an das Aus: das Aus der Arbeitslosigkeit, das Aus der Pleite, das Aus der Verarmung, das Aus des familiären, beruflichen und sozialen Scheiterns"-
Indessen wäre angesichts einer Politik des Abbaus des Sozialstaates durch die derzeitige Regierung zweifelsohne ein schärferes Vorgehen der Intellektuellen und eine systematischere Widerstandsbewegung der Bevölkerung im Allgemeinen nötig. 



 

 PP: Außer ihrer literarischen Tätigkeit haben Sie einen Doktor in Bildungspsychologie, mit Spezialisierung auf dem Gebiet des Lesen- und Schreibenlernens. Da das Erlernen der Muttersprache eine der großen Sorgen der Portugiesen im Ausland ist, welchen Rat würden Sie den (Emigranten-) Familien und Eltern im Umgang mit ihren Kindern geben, damit diese nicht den Kontakt zur Muttersprache verlieren?
 


Ana Cristina Silva: Ich würde den Emigranten raten, mit ihren Kindern Portugiesisch zu sprechen. Kleine Kinder können mühelos eine, zwei, drei Sprachen gleichzeitig lernen, ohne sie je zu vermischen. Die Tatsache, dass Auswanderer mit ihren Kindern Portugiesisch sprechen und die Kinder im Kindergarten Zugang zum Deutschen haben, eröffnet ihnen die Möglichkeit, zweisprachig aufzuwachsen, mit allen Vorteilen, die dies mit sich bringt. Auch das Erlernen der Schriftsprache Portugiesisch ist damit sehr viel leichter. 

Natürlich müssen die Kinder in einem formalen Unterricht, der vom portugiesischen Staat sicherzustellen ist, Portugiesisch schreiben lernen. Neben brillanten Reden über die Gemeinden (von Portugiesen) im Ausland ist die Sicherstellung der staatlichen Bildung für die Kinder von Emigranten notwendig. Dies gilt vor allem, wenn man die Bindung an Portugal in der zweiten Auswanderergeneration aufrecht erhalten will. Die gefühlsmäßigen Bindungen werden ganz natürlich über die Sprache gefördert und diese Investition muss eine verfassungsmäßige Aufgabe des portugiesischen Staates sein. 



 

 PP: In Portugal gibt es viele Vorurteile und Klischees über die Emigranten, ihr Verhalten, ihre Interessen. Selbst in der Presse spricht man häufig von den Emigranten als kulturell wenig "beleckt". Hat diese stereotype Redeweise heute noch einen Sinn, Ihrer Meinung nach, natürlich? 
 


Ana Cristina Silva: Wahrscheinlich haben solch stereotype Reden nie besonders viel Sinn gehabt, denn die Kenntnisse von Menschen, und zwar unabhängig von ihrer akademischen Qualifikation, sind unterschiedlich und genauso wichtig. Heute macht das noch weniger Sinn, denn viele der heutigen Emigranten haben oft, selbst wenn sie unqualifizierte Arbeit leisten, eine Hochschulausbildung. 



 

 PP: Welches Buch wollen Sie als nächstes herausgeben?
 


Ana Cristina Silva: Mein nächstes Buch ist fertig und soll im Prinzip im September herauskommen. Es heißt "Der zweite Tod der Anna Karenina", denn es will verschiedene Formen des Ehebruchs beleuchten. Das Buch beschreibt die Schrecken der Schützengräben im ersten Weltkrieg, das Vorurteil gegen die Homosexualität, die Beziehung zwischen Theater und Leben und ist vor allem eine Abrechnung zwischen einem Mann und einer Frau, die sich gegenseitig verraten haben, und eine Darstellung dessen, was ihr Leben hätte werden können.


 

 

 

 Das Interview führte Mário dos Santos 


(Übersetzung aus dem Portugiesischen von Barbara Böer Alves)